Albert Anker (1831–1910) ist nicht nur einer der beliebtesten Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts. Sein Interesse für die «Seele» der Dargestellten hebt ihn deutlich von anderen Realisten und Porträtmalern seiner Zeit ab. In seiner Persönlichkeit vereinigen sich viele Facetten: Feinfühligkeit, ein humanistisch geprägtes Weltbild und die Verantwortung als Familienvater. Verwurzelt in der deutschen und französischen Kultur, lebte und arbeitete Anker in Paris und Ins, im Berner Seeland. Er schuf neben den bekannten auch sehr persönliche, nur für seine Nächsten bestimmte Werke. Unzählige erhaltene Fotos, Briefe und Zeichnungen legen Zeugnis eines für seine Zeit äusserst kosmopolitisch denkenden und handelnden Menschen ab.
Anker wird 1831 in Ins geboren. In Paris absolviert er als Schüler des Waadtländers Charles Gleyre (1806–1874) eine klassische Ausbildung zum Maler. Stilistisch orientiert er sich anfänglich am Klassizismus von Jean-Auguste-Dominique Ingres.
Als gebildeter Mensch, der Bücher in 5 Sprachen liest, befasst sich Anker mit gesellschaftlichen, politischen, sozialen und erzieherischen Fragen seiner Zeit. In seinen Bildern klagt er nicht an, sondern veranschaulicht in realistischer Malweise bäuerliche und bürgerliche Werte. Seine Zeitungsleser, aber auch seine Schülerinnen und Schüler zeigen die Emanzipation der Landbevölkerung zu gut informierten und damit mündigen Staatsbürgern. Von Anker stammen die schönsten Kinderbildnisse, welche der Realismus des 19. Jahrhunderts europaweit hervorgebracht hat.
Ankers Interesse, aber auch seine Bedenken zur Technik und dem aufkommenden industriellen Zeitalter schildert er in seiner vielfältigen Korrespondenz mit seinen Freunden und Lebensgefährten. Anker ist in seiner Zeit ein international vernetzter und erfolgreicher Künstler, der in Paris ebenso präsent ist wie in der Schweiz. In Paris unterhält er über Jahrzehnte ein Atelier, beteiligt sich regelmässig am Salon, wo er ebenso erfolgreich ist wie in den Turnus-Ausstellungen in der Schweiz. Über die Galerie von Adolphe Goupil in Paris, gelangen seine Werke in Privatsammlungen in ganz Europa. Bereits seit 1854 lebt Anker, ab 1865 zusammen mit seiner Familie, regelmässig im Winter in Paris. Die Sommerzeit verbringt die Familie in Ins. In seiner Heimat erlangt er mit seinen Gotthelf-Illustrationen grosse Bekanntheit. Er übernimmt öffentliche Ämter in der Gemeinde, im Kanton und schliesslich auch auf Bundesebene. Er ist Mitglied der Schulkommission, des Kirchenrates und des Männerchors in Ins; als Grossrat setzt er sich für den Bau des Berner Kunstmuseums ein und verfolgt die Juragewässerkorrektion ebenso wie das Wirtschaftsleben im 1848 gegründeten jungen Bundesstaat. Als Mitglied der eidgenössischen Kunstkommission und der Gottfried Keller-Stiftung setzt er sich für die Förderung aktiver Künstler respektive für den Aufbau öffentlicher Kunstsammlungen ein.
« Lebt Anker noch? Ich denke oft an seine Arbeiten, ich finde sie so tüchtig und fein
empfunden. Er ist noch ganz vom alten Schlag... »
Anker ist zweifellos einer der populärsten Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts. Unvergesslich sind seine Portraits von Kindern und alten Menschen aus seinem Wohnort Ins. Wenig bekannt sind seine in Paris gemalten Akademiezeichnungen, Fayencen und spontanen Skizzen. Oder auch seine leichten, dem Impressionismus nahestehenden Aquarelle, die während mehrmonatigen Studienreisen vorwiegend nach Italien entstanden sind.
Vermehrt entdeckt die Anker-Forschung den Künstler neu als weltoffenen Humanisten, gebildet und vielseitig interessiert, dessen Texte auch heute noch Aktualität besitzen.
Link zum Lebenslauf des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA)
Brief des 18-jährigen Albert Anker an seinen Schulfreund, Maler Auguste Bachelin,
vom 9. Juni 1849 zum Thema Kunst:
«Was ist Kunst? in erster Linie besteht die Kunst nicht in der Nachahmung, sondern in zwei Punkten: zum ersten muss man sich in seinen Vorstellungen ein Ideal bilden, zum zweiten muss man dies Ideal den Augen der Mitmenschen darstellen, ihm eine Gestalt schaffen, welche unserem Schauen und Hören zugänglich wird…
Ich glaube, das Schöne, welches einen Künstler leiten soll bei seinem Werk und die Grundlage jedes künstlerischen Schaffens darstellt, besteht in der Harmonie zwischen dem Ideal des Künstlers und allen äussern Möglichkeiten, welche ihm zu dessen Darstellung zur Verfügung stehen…
Der Künstler muss lernen, seinem Ideal eine äussere Form zu geben, dazu vor allem geht man in die Ateliers und Museen, um von den Erfahrungen anderer zu profitieren. Wie der Dichter seine Sprache erlernt, das Mass seiner Verse, um sein Werk zu erschaffen, so muss der Maler, um sein Ideal zu verwirklichen, lernen, wie man den Pinsel führt, wie man Farben setzt; er muss zeichnen können…